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Das Berliner Corbusierhaus...
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Spiegel-Artikel vom 18.September 1957
Versöhnung mit Corbusier An einem der schönsten Septembertage versammelten sich in Berlin bei brennender Sonne die Mitglieder der "Deutschen Akademie der Künste" auf einem Ruinengrundstück: im Parkett des im Kriege ausgebrannten "Kabarett der Komiker" am Kurfürstendamm. Zwischen verkohlten Mauern und leeren Fensterhöhlen feierten die Akademie-Mitglieder die Eröffnung einer Ausstellung, auf der Zeichnungen, Malereien und Modelle der Bauten zu sehen sind, die von dem französisch-schweizerischen Architekten Charles Edouard Jeanneret, genannt Le Corbusier, stammen. Der Präsident der Akademie, Architekt Hans Scharoun, hatte das makabre Halbrund mit einem Arrangement von Fahnen und Sträuchern verziert. Scharoun, der Präsident des Bundes Deutscher Architekten Otto Bartning und der Berliner Senator für Bau- und Wohnungswesen Rolf Schwedler schmeichelten in dieser Szenerie dem anwesenden Corbusier mit Reden und Gastgeschenken: Sie priesen mit bewegten Worten den Pariser Kollegen und dessen Verdienste um die moderne Architektur.
Bei seiner Antwort, in der er sich für die Huldigungen bedankte, wurde Corbusier allerdings spezieller: Mit kriegerischem Unterton in der Stimme kündigte er an, er werde - auch auf die Gefahr hin, für einen schlechten Charakter gehalten zu werden - bis zum Äußersten gehen, wenn seinem jüngsten Bauwerk in Berlin weiterhin der Stempel des Urhebers genommen werde. In der Tat waren alle vorangegangenen Ansprachen und die Veranstaltung der Corbusier-Ausstellung in Berlin nur Teile eines großangelegten Planes, der zur Beschwichtigung des Baumeisters dienen sollte. Die Berliner wollten einen internationalen Skandal vermeiden, der zu diplomatischen Demarchen zu führen drohte.
Le Corbusier ist mit einem Wohnblock an der "Internationalen Bauausstellung in Berlin 1957" (Interbau) beteiligt, der freilich wegen seiner Größe außerhalb des Ausstellungsgeländes bleiben mußte und in der Nähe des Olympia-Stadions errichtet wird (SPIEGEL 31/1957). Es handelt sich um einen 17geschossigen Block, der 1600 Menschen beherbergen soll und als "Typ Berlin" jene Monstre-Bauten variiert, die Corbusier in Nantes und Marseille errichtet hat.
Als Bauherr fungiert bei diesem Berliner Corbusier-Bau, dessen Errichtung etwa 13 Millionen Mark kosten wird, die "Heilsberger Dreiecks" -Grundstücks- AG, deren Direktor der 41jährige Kaufmann Friethjof Müller-Reppen ist. Das "Heilsberger Dreieck" wird von der "Heilsberger Allee" und der Heerstraße gebildet, an der Corbusiers Haus entsteht. Auf Müller-Reppens Anordnung hin waren die Pläne des Architekten zum Teil verändert oder ignoriert worden.
Seit Corbusier bei einem Besuch im Mai bemerken mußte, was mit seinen Plänen geschah, hatte er in zahlreichen Briefen, Telegrammen und Ferngesprächen gegen weitere Eingriffe protestiert. Ende August erreichte dieser Streit vorläufig seinen Höhepunkt: Corbusier stellte dem Berliner Senat ein Ultimatum. Der Senat, so forderte er, möge als Veranstalter der "Internbau" die Bauleitung veranlassen, sich endlich den gegebenen Anweisungen zu fügen: Andernfalls werde er beim Bundespräsidenten Heuss, beim französischen Außenministerium und in der internationalen Presse formellen Protest gegen den Mißbrauch seines Namens und gegen die Mißachtung Frankreichs als Teilnehmerland an der "Interbau" erheben. In dem bereits beigefügten Entwurf eines Briefes an Professor Heuss schreibt Corbusier, die Art der Ausführung seines Berliner Wohnblocks, der inzwischen bereits bis zum zehnten von 17 Stockwerken gediehen ist, sei ein "tragischer Verrat" an seinen Absichten. Als besonderen Verräter machte Corbusier den Kaufmann Friethjof Müller-Reppen namhaft. Er sei vor keiner Fälschung der Entwürfe zurückgeschreckt, habe den Architekten mit nichtautorisierten Änderungen immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt und durch Entstellung der Urkonzeption den Namen Corbusier nicht nur vor den Berlinern, sondern vor der ganzen Welt kompromittiert. Der Bundespräsident, so heißt es in dem Briefentwurf weiter, werde verstehen können, wie gequält und verzweifelt der Schreiber sich deshalb fühle. Nun hatte Corbusier schon von vornherein einige Konzessionen machen müssen: Der Pariser Architekt - sein Credo lautet "Das Haus ist eine Maschine zum Wohnen" - hat sich ein bestimmtes Maßsystem, den sogenannten "Modulor" ausgedacht, von dem aus er Anlage und Größe der Wohnungen in seinen "Unités d'Habitation", den "Wohneinheiten" berechnet. Da nun aber die Deutschen im Durchschnitt die Franzosen an Körpergröße überragen, mußte Corbusier in Berlin bei der Errechnung der Wohnungsgrößen auf die Anwendung seiner "Modulors" verzichten. Außerdem zwangen die gesetzlichen Vorschriften des "Sozialen Wohnungsbaus", die auch für die Objekte der vom Berliner Senat initiierten "Interbau" gelten, zu radikalen Einschränkungen bei der Ausstattung. Die "Interbau"-Häuser gehören zwar einer vom Berliner Senat gebildeten Aktien-Gesellschaft oder privaten Bauherren, doch basiert die Finanzierung im wesentlichen auf staatlichen Zuschüssen. Diese Zuschüsse werden in der Regel nur für solche Bauvorhaben gewährt, die den in zwei Gesetzen über den "Sozialen Wohnungsbau" enthaltenen Spar-Voschriften entsprechen. Alle diese Einengungen seiner Prinzipien und seiner Phantasie hatte Corbusier nach einigen Verhandlungen akzeptiert und sein Haus am Olympia-Stadion wegen der nötigen Abweichungen resignierend "Typ Berlin" genannt. Die Veränderungen aber, die Direktor Müller-Reppen ohne Zustimmung des Architekten vorgenommen hatte, wollte Corbusier nun nicht mehr tolerieren. Allerdings kann auch Müller-Reppen seinen Standpunkt mit handfesten Argumenten vertreten: Der zwischen dem Architekten und ihm geschlossene Vertrag, so erläutert er, ziele nicht darauf ab, ein "Monument Corbusier " zu errichten, sondern einen rentablen Zweckbau, der auch nach einem späteren Abflauen der Baukonjunktur noch mit Profit zu vermieten sei. Zudem fühle er sich seinen Aktionären gegenüber dafür verantwortlich, daß der Bauablauf mit allen Mitteln flüssig gehalten werde. Es dürften auch keine Geldverluste durch Unterbrechungen eintreten, nur weil man aus dem Pariser Corbusier-Büro Pläne und Zeichnungen nicht termingerecht erhalte. In der Tat resultieren viele Streitfragen daraus, daß Corbusier die baureifen Zeichnungen nicht termingerecht lieferte. Noch im Frühjahr wurde er daher vom Berliner Bausenator offiziell darauf hingewiesen, daß er seine Terminpflichten versäumt habe. So sei es auch trotz vieler Mahnungen unmöglich gewesen, behauptet Müller-Reppen, von Corbusier verbindliche Unterlagen für das Heizungsmaschinenhaus zu bekommen. Die Lösung, die schließlich auf Anordnung von Müller-Reppen getroffen wurde, ist der wichtigste Streitpunkt zwischen dem Bauherrn und dem Architekten. Sie beeinträchtigt die Gesamtwirkung des Gebäudes in der Tat erheblich: Müller-Reppen ließ das Gehäuse für die Mannesmann-Meer-Ölheizung und für das zum Haus gehörende Kraftwerk einfach zwischen die Strebepfeiler bauen, die das Haus tragen und seinen Stil bestimmen. Corbusier wollte die für das Haus bestimmte Versorgungszentrale am Fahrstuhlturm auf eine Weise angebracht wissen, die das äußere Bild des Komplexes nicht beeinträchtigt hätte. Ein weitere Streitpunkt zwischen dem Architekten und dem Bauherrn sind die Sonnenblenden: Um der Kolossalfassade seines fast 140 Meter langen Wohnblocks eine stärkere horizontale Gliederung zu geben, hat Corbusier, der die meisten Etagen mit Loggien ausstattete, über den Fensterreihen dünne, etwa 1,5 Meter tiefe Betonstreifen geplant, die zugleich als Sonnenblenden dienen sollen. Da der Bauherr diese in allen Bauzeichnungen vorgesehenen Sonnenblenden bisher nirgends ausführen ließ, erkämpfte Corbusier beim Berliner Bausenator die Zusage, daß sie nun angebracht würden. Als letztes Streitobjekt sah Corbusier die Fenster an: Er hatte für den gesamten Wohnblock den Einbau von - nach Modulor-Maßen errechneten - holzgerahmten Fenstern vorgesehen, während Bauherr Müller-Reppen die ersten vier Etagen, die bisher verglast wurden, unbekümmert mit Stahl-Fensterrahmen ausstatten ließ. In einem Memorandum, das er dem Senat überließ, forderte Corbusier nun ausdrücklich, daß wenigstens die weiteren Etagen mit den von ihm vorgesehenen Fenstern ausgestattet würden, wenn er sich nicht öffentlich von dem Bau lossagen solle. Daß Corbusier - ihm steht für seinen Bau ein Honorar von 300.000 Mark zu - den geplanten Brief an den Bundestagspräsidenten Heuss nicht absenden und das französische Außenministerium - mindestens vorerst - nicht mobilisieren wird, stand allerdings schon fest, als der Architekt in der Ruine des Kabaretts der Komiker die Festreden anhörte. Die Entscheidung war in der Nacht zuvor in der Bar "old fashioned" am Kurfürstendamm gefallen, wo ein Friedensschluß zwischen Le Corbusier und dem Bausenat bis drei Uhr morgens ausgiebig mit Sekt begossen wurde. Dabei hatte man den Friedensschluß im "old fashioned" im Sinne des Wortes ohne den (Haus-)Wirt gemacht. Bauherr Müller-Reppen war nämlich gebeten worden, sich bei dieser Zusammenkunft auf keinen Fall zu zeigen. So hatte er auch keinen Anteil an den Zusicherungen, die dem Architekten vom Berliner Bausenator gegeben wurden. Es liegt bei ihm, ob er sich an diese Zusagen halten will oder nicht.
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